Insidermarketing

21. Dez
2007

Ich bin Dortmunder. Im Herzen Westfalens zu Hause. Und ich liebe das Ruhrgebiet, den Flair, die Menschen, die Industriekultur. Das Ruhrgebiet allgemein und Dortmund am meisten. Wer schon immer einmal mit der S-Bahn oder dem Auto durchs Ruhrgebiet gefahren ist, wird festgestellt haben, dass die Städte hier quasi explodiert sind. Sie grenzen dicht an dicht wie die englischen Back-to-Back-Houses aus der Zeit der britischen Industrialisierung.

Dieses zusammengeschweisste Gefühl, unterstreicht die Zusammengehörigkeit und schürt den Hass. Die Metropolen, die viel zu großen Mächte auf viel zu engem Raum versuchen sich seit jeher zu übertrumpfen. Im Bier, in der Kohle- /Stahlindustrie (heute in neuen Technologien und den Universitäten) und vor allem im Fußball. Ich habe nie eine Region erlebt, die so auf Fußball fixiert ist, wie die Ruhrgebietler. Mit drei Jahren spielte ich das erste mal in einem Fußballverein, nahe zu jeder Junge war damals in einem Fußballverein. In der Grundschule das selbe, später auf dem Gymnasium auch. Ist das überall so? Ja das kann sein, aber hier war es etwas ganz besonderes.

Aber da ist noch mehr, als eine tiefe Verbundenheit untereinander, die sich im Fußball ausdrückt. Wir sind Dortmunder, wir sind ein Teil vom ganzen und wir lieben unsere Insider. Wir lieben unser Westfalenstadion, unseren heruntergekommenen Hauptbahnhof und den Fernsehturm. Aber das ist es gar nicht, was Dortmund so unbedingt ausmacht…

Anfang 12/13 begann die Zeit, dass wir uns mit Freunden in der Stadt getroffen haben. Wir sind stundenlang durch die City gelaufen, haben bei McDonalds gegessen und sind in irgendwelche Läden reingegangen ohne etwas zu kaufen sondern nur um Zeit totzuschlagen. Damals sah ich sie das erste mal: die Frau mit dem Schild.

Eine alte Dame, sie kam mir damals vor wie 90 ich glaube sie war auch schon mindestens 90, lief durch die Innenstadt über den Ostenhellweg und den Westenhellweg (Dortmunder Einkaufsstraße. Östlich der Reinoldikirche: Ostenhellweg, westlich davon: Westenhellweg. Gesamtlänge ca. 1,5 km), den ganzen Tag, Tag ein, Tag aus. Immer wenn ich in der Stadt war (da meine Schule auch in der Stadt war und ich im Laufe meines Lebens schon viele Freistunden hatte war ich verdammt oft in der Stadt) war sie auch da. Egal ob es regnete, stürmte oder schneite sie war da.

Und sie war nicht allein. Sie hatte ein Schild dabei mit der Aufschrift “Jesus rettet” und Flyer, ganz viele Flyer mit kleinen Comics drauf, die beschrieben wie Jesus die Menschen erlösen würde. Und natürlich hatte sie ihre Überzeugung dabei, abwechselnd rief sie, monoton klingende Sätze (beinahe Gebetsmühlenhaft) die mit “Das wichtigste…” oder “Die Zeit…” begannen aus. Und suchte Konversation mit vorbeigehenden Menschen.

Eigentlich kannte jeder diese Frau. Und jeder konnte immer und immer wieder über sie reden. Denn sie war ein Insider. Eine Stadt mit 600 000 Menschen, kannte sie. Ich bin mir sicher, so gut wie jeder kennt sie hier. Und man fühlte sich gut wenn man über sie reden konnte. Warum? Der Grund ist wahrscheinlich ein psychologischer.

Warum lästern Menschen gern?

Sie fühlen sich wichtig. Wer lästert, redet mit einer ausgewählten Person oder Gruppe (VIPs) über jemanden, den sie von der Diskussion ausschließen. Ergo: Sie werten ihre eigene Position gegenüber dem, über den sie lästern auf. Und sie werten ihre eigene Position gegenüber den Leuten, die nicht zu dieser VIP-Gruppe zählen auf, weil sie ja eine VIP-Gruppe sind.

Warum lacht man über Insider am meisten?

Der Grund ist womöglich der selbe. Der Insider ist nur für die Leute lustig, die inside sind. Eine ausgewählte Gruppe -> VIPs. Sie fühlen sich anderen gegenüber hervorgehoben. Und somit wichtig. Das gibt dem ohnehin schon lustigen Insider eine angenehme Atmosphäre.

Warum können wir mit anderen Menschen immer gut über Dinge reden in die nur wir involviert sind?

Da ist er wieder: der Insidereffekt. Jeder kennt ihn. Wir reden schon früh in der Schule mit Mitschülern am einfachsten über Lehrer, über Unterrichtsstoff etc. Warum? Weil 1. wir wissen, dass der andere in etwa die selbe Gesprächsplattform hat wie wir selbst (das heißt: Vorwissen). Und 2. weil wir uns dadurch wieder wichtig fühlen. Kennen Sie das von kleinen Kindern? Die auf dem Schulweg oftmals besonders laut und auffällig über irgendwelche Insider aus der Schule reden? Vielleicht unbewusst mit dem Gefühl “die (Menschen um uns herum) fragen sich jetzt bestimmt alle was wir spannendes in der Schule gemacht haben.

Das selbe Phänomen beobachteten wir in Dortmund mit eben dieser älteren Frau. Jeder konnte über sie reden, weil sich jeder irgendwie dabei wichtig fühlte, er hebte sich von den Leuten, die sie nicht kannten (z.B. weil sie aus Bochum oder Essen kamen) ab. Besonders im Hinblick auf die Rivalität zwischen den Städten war das natürlich ein Bonus für das Schwarz-Gelbe-Selbstwertgefühl.

Heute fiel mir durch Zufall der Flyer einer Dortmunder Disco in die Hand. Die Disco heißt Suite 023 (mehr dazu ab Januar auf Ruhr-Point.de). Der Flyer war Pink und eigentlich nicht weiter auffällig. Aber eine Sache machte ihn auffällig, verdammt auffällig. So auffällig, dass alle Leute, die ihn in die Hände bekamen die Augen weit auf rissen und die Kinnlade fallen liessen. What the fuck? Das war dreist!
Jesus Rettet
Da war sie. Die alte Dame mit dem Schild. Die Aufschrift des Schildes war retuschiert und stattdessen steht da (wie jeder lesen kann) “Think Pink”.

Die Idee ist der Hammer, sie ist so dreist dass sie schon wieder genial ist. Als Mensch, der im Marketing arbeitet finde ich sie genial. Warum? Jeder reisst die Augen auf und fühlt sich persönlich angesprochen. Damit meine ich nicht, diese Art von persönlicher Ansprache, wie man sie sonst aus der Werbung kennt. “Kommt Ihnen das bekannt vor?”, “Gehören auch Sie zu den Menschen…”. Nein das war krasser. Das war eine Art… “Hey du! Ja du! Du kennst mich doch auch… natürlich, wir sind so etwas wie alte Freunde: Du zerreisst dir doch seit deiner Kindheit das Maul über mich”.

Geniale Idee, von der Idee her. Nur trotzdem betrachte ich das ganze ein Wenig kritisch. Ich denke es sollte für jeden auf der Hand liegen wieso.

Ich will das hier nicht weiter aufführen, aber freue mich darüber wenn eine Diskussion im Blog entstehen würde.


Anmerkungen:

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