Schienenselbstmörder

17. Dez
2010

Ich fahre ja viel Bahn, also zumindest noch ich denke ja, dass ich das bald einstellen werde. Würde man meine Bahnfahrten an der Anzahl der Momente werten in denen ich von Zugverspätungen betroffen war, weil sich eine Person vor einen Zug geworfen hat, so wäre die Zahl vermutlich bedenklich hoch. Wer jetzt irgendwelche alttestamentarischen Moralpredigten darüber hören möchte wie wertvoll das Leben ist und dass der Selbstmord doch eine Beleidigung für all diejenigen sei, die mit einer schweren Krankheit um das letzte bisschen Leben kämpfen, der wird heute nicht auf seine Kosten kommen. Denn ich bin der Meinung, dass jeder Mensch das Recht haben sollte über sein Leben selbst zu bestimmen und wenn er in seiner Situation keinen anderen Ausweg sieht, dann ist es sein gutes Recht seinem Leben ein Ende zu setzen. Ich denke nicht, dass irgendjemand diese Entscheidung leichtfertig trifft, niemand denkt sich “oh was ein Scheißtag ich habe eine 5 in Mathe und meine Playstation ist kaputt ah ich werf mich vor einen Zug”. Solange der Mensch lebt, hat er Hoffnung und entsprechend wird der Mensch auch mit all seinen tierischen Instinkten immer gegen so eine Entscheidung ankämpfen, solange er stark genug ist, doch wenn die Ausweglosigkeit über den Überlebenstrieb – den (neben dem Mutterinstink) wohl stärksten Instinkt den wir als Menschen haben – siegt, dann muss die Ausweglosigkeit schon verdammt groß sein.

Und sollte sich jemand dazu entschließen so einen Schritt zu gehen, dann kann man wohl allen einen Vorwurf machen, den Angehörigen, den Lehrern oder Arbeitskollegen etc. aber nicht der Person selbst.

Ich halte es an dieser Stelle einfach mal mit Jean Valjean, aus Victor Hugos Meisterwerk “Les Miserables” als er sinngemäß – in seiner zweiten Identität als Monsieur Madeleine – zu der Fabrikaufseherin und Vorgesetzen von Fantine sagte, dass selbst G”tt es sich nicht anmaßen würde über die Menschen vor ihrem Tod zu richten, aber sie stelle sich über G”tt .

Und ebenso, will ich es an der dieser Stelle halten und auch wenn mich die meisten Menschen die mich nur über das Internet kennen als arrogantes und selbstverliebtes Arschloch wahrnehmen so werde auch ich mir niemals anmaßen jemanden zu verurteilen, weil er keinen anderen Ausweg gesehen hat, als seinem Leben ein Ende zu setzen.

Und mein Verständnis mit Schienenselbstmördern geht sogar so weit, dass ich mich noch nicht einmal großartig darüber aufrege, wenn mein Zug aufgrund eines solchen Vorfalls Verspätung hat, abweichend fährt oder ausfällt. Ja, obwohl ich mich wirklich den ganzen Tag ununterbrochen über die Bahn aufrege, bin ich jedes Mal über die Nachricht eines solcen Vorfalls dermaßen erschrocken und traurig, dass überhaupt kein Platz mehr dafür da ist um sich darüber aufzuregen dass jetzt MEIN verdammter Zug nicht fährt. Und auch wenn ich deswegen zu spät zu einem Termin komme oder zu einer Verabredung auf die ich mich gefreut habe, wird mein persönlicher, heiliger Egoismus für einen ganze winzigen Moment unterbrochen und ich denke mal ganz AUSNAHMSWEISE nicht nur an mich. (was mir als leidenschaftlicher Egoist komischerweise überhaupt nicht schwer fällt).

Aber da gibt es immer noch etwas, was mich richtig aufregt. Und das sind die Menschen, die an den Gleisen stehen und den Toten begaffen. Also ich meine so richtig. Als ich beispielsweise vor einem halben Jahr in Bielefeld war hat sich jemand genau vor den Zug geworfen in den ich eigentlich einsteigen wollte. Interessant, komisch und möglicherweise eine schicksalhafte Fügung, bin ich aber just in diesem Moment etwa 3 Minuten zu spät am Gleis gewesen und bin so erst eingetroffen als das Gleis bereits abgesperrt war und die Person auf den Schienen bereits mit einem Tuch bedeckt war. Vom gegenüberliegenden Gleis, von dem aus ich dann weiter nach Dortmund fahren wollte, war ich über diesen Zustand auch recht froh, denn MIR hätte sich sicherlich der Magen umgedreht.

Doch es gibt ja auch noch die anderen Menschen am Bahnhof, die Menschen die mich einfach richtig wütend machen. Die Menschen die mit ihrer Brötchentüte in der Hand ihr Salamibrötchen essen und auf diese Person starren. Okay, okay bei mir in meinem Leben ist Schaulustigkeit auch schon immer ein nicht zu unterschätzender Faktor gewesen, nicht umsonst gebe ich mich noch heute regelmässig mit Menschen ab, die ich eigentlich total verachte, aber es macht trotzdem Spaß in ihrer Nähe zu sein, denn so kann man sich über sie aufregen… und ja ich verstehe auch so ein ganz kleines bisschen die Leute, die nach dem Motto “Es ist wie ein Verkehrsunfall, es ist schrecklich ja, aber man kann auch nicht weggucken“-Leben.

Aber das ging mir einfach zu weit, es ist einfach pervers sich an so einem schrecklichen Bild aufzugeilen. Doch die essenden, aufgeilenden Personen am Bahnsteig wurden eigentlich nur von einer anderen Personengruppe übertroffen deren Perversität einfach grenzenlos erschien: die Menschen, die mit kleinen Kindern am Bahnsteig standen.

Jeder Mensch, dem die psychische Intaktheit seiner Kinder auch nur minimal etwas bedeutet, der würde dafür sorgen, dass kleine Kinder und mit klein meine ich Kids vor allem Kids zwischen 3 und 6 – wobei ich es auch bei Kids unter 12 noch unzumutbar finde, denn auch für mich wäre es mit 21 viel zu viel gewesen. Aber ich meine jetzt besonders die Menschen, die mit ihren kleinen Kindern, die vielleicht noch in einem Buggy sitzen oder an der Hand festgehalten werden am Bahnsteig stehen und dieses Spektakel begaffen.

Jetzt mal ganz ehrlich:

Wir regen uns darüber auf, dass Kindern Ballerspiele zugänglich gemacht werden, dass Kinder im Internet Pornografie ausgesetzt sind usw. usf. aber wir tollerieren Menschen, die ihre Kindern einer derartigen Situation aussetzen? Eine Situation die noch viel realer und viel schrecklicher ist als es jeder Film oder jedes Computerspiel sein könnte?

Wenn ich heute – ein halbes Jahr nach dem sich mir dieser Anblick geboten hat – darüber nachdenke, wie ich mich an diesem Bahnsteig verhalten habe, dann schäme ich mich wirklich dafür, dass ich mal wieder nur an mein eigenes egoistisches Selbst gedacht habe, dass ich mal wieder nur im Kopf hatte, dass ICH in die andere Richtung gucke und mir das nicht antun muss, statt dass ich diese Menschen mal ganz offen gefragt hätte warum sie das ihren Kindern eigentlich antun, ob sie denken, dass das für die Entwicklung ihres Kindes gut ist ob sie denken, dass ihr kleines Kind so etwas überhaupt begreifen oder verarbeiten kann. Und warum ich niemanden dazu aufgefordert habe, dass sie doch mit ihren Kids einfach vom Ort des Geschehens weggehen.

Sollte irgendjemand von euch auf die Idee kommen sich umzubringen, so tut euch doch selbst einen Gefallen und werft euch nicht vor einen Zug oder wollt ihr wirklich, dass man euren toten Körper begafft wie in einer Freakshow des 19. Jahrhunderts? Okay, euch kanns vielleicht dann egal sein – aber wollt ihr dass solchen Menschen wirklich gönnen?

Ich mach Schluss!

16. Dez
2010

Liebe Deutsche Bahn,

ich habe wirklich versucht dir eine Chance zu geben. Ich habe es versucht, wirklich. Weißt du, als ich am 30. Dezember 2006 schon gegen 12 Uhr in Frankfurt am Main losgefahren bin um rechtzeitig in Dortmund zu fahren, damals aus Geldgründen noch mit der Regionalbahn, habe ich es stillschweigend ertragen, dass ich erst nach 22 Uhr in Dortmund war, dass ich in Siegen über eine Stunde warten musste und in Gießen ebenfalls. Ich meine ich weiß nicht wie es heute ist, aber damals gab es in Gießen nicht mal einen McDonalds. Aber es war okay.

Als ich vor etwa einem Jahr nach Bielefeld fahren wollte und mit dem Schienenersatzverkehr von Hamm nach Neubeckum gefahren bin, bei unvorstellbarer Kälte um dann in Neubeckum zu erfahren dass KEIN EINZIGER ZUG MEHR NACH BIELEFELD FÄHRT und dann mit dem Schienenersatzverkehr noch mal etwa 1,5 Stunden zurückgefahren bin und dann insgesamt über 5 Stunden unterwegs war von Dortmund nach Neubeckum und wieder zurück nur um zu erfahren, dass ich gar nicht nach Bielefeld komme, da war es auch okay. Ich habe mich geärgert, ja, ich habe gefrohren wie der letzte Esel okay, aber es war in Ordnung liebe deutsche Bahn es war okay.

Als ich im Sommer 2010 nach Niedersachsen fahren wollte und einfach mal über 4 Stunden gebraucht habe um von Dortmund nach Hamm zu kommen weil entweder jeder Zug den ich kriegen wollte direkt vor meiner Nase weggefahren ist und weil ich erst in Unna erfahren habe, dass von dort aus kein Zug weiter nach Hamm fährt (wohlgemerkt wurde erst durchgesagt dass generell kein Zug mehr fährt, nachdem es erst hieß er habe eine halbe und dann eine Stunde Verspätung) da habe ich es auch hingenommen, okay ich war extrem fuchsig um nicht zu sage angepisst aber ich habe es dir verziehen aber inzwischen gehst du wirklich zu weit.

Irgendwann ist das Maß voll, ja ich habe eine Bahncard und ja ich habe ein Monatsticket und ich fahre jeden Tag von Bochum Hbf bis Dortmund Holzen (was übrigens nur 30 Kilometer Luftlinie sind) mindestens 1,5 Stunden hin und 1,5 Stunden zurück und ich habe es immer tolleriert weil weißt du ich fahre gerne Bahn. Ich sitze gerne in der Bahn und lese und ich finde auch ansonsten, dass Bahnfahren eine sehr entspannte und ‘kostengünstige’ Möglichkeit ist um von A nach B zu kommen und wenn man erstmal diese ganzen Proletarier im Zug ignoriert. Weißt du das Publikum in der Bahn, das ist ja noch mal eine ganz andere Geschichte, die Geschichte wie ich beispielsweise gestern mit den bildungsfernen Haushalten ins Gespräch gekommen bin kannst du hier nachlesen: Du weißt ja nicht mal wie Social Network geschrieben wird.

Und ich konnte mich auch einigermaßen daran gewöhnen, jeden Tag diese 3 Stunden Bahn zu fahren also ich meine jetzt theoretisch, wären da nicht die vielen vielen Abende an denen aus 1,5 Stunden 2 oder 2,5 Stunden wurden.

Irgendwann reicht es einfach, irgendwann ist Schluss mit lustig, dann ist das Maß voll. Und die ganzen Situationen in denen ich mir ICE Fahrkarten gekauft habe und letztendlich doch mit der Regionalbahn oder S-Bahn fahren musste weil der ICE mal wieder 120 Minuten Verspätung hatte habe ich hier ja noch nicht augezählt, geschweige denn die Abende an denen ich mir ein Taxi nach Hause nehmen musste, weil man den letzten Anschluss dank Verspätung oder Ausfällen nicht mehr bekommen hat. Oder zahlreiche Diskussionen am Bahnschalter bei dem in etwa so argumentiert wurde “Ja, die 120 Minuten Verspätung sind ja jetzt nur eine Prognose es kann ja auch sein dass er in 10 Minuten hier ist, also theoretisch und deswegen können wir ihnen auch erst ein neues Ticket ausstellen oder eine Erstattung wenn der ICE hier ist“.

Mir reicht es einfach, ich mach Schluss und dein Freunde bleiben kannst du dir auch in den Arsch schieben! Ich kündige demnächst meine Bahncard und dann fahr ich eben bald jeden Tag mit dem Auto nach Bochum und zurück. Mit heruntergelassenen Scheiben werde ich lachend an all denjenigen vorbeifahren die versuchen noch schnell zur Bahn zu laufen und hineinzuspringen während der Lokführer schon lachend losfährt, so wie heute. Als ich in Witten am Hauptbahnhof mit meiner RegionalBahn 5 Minuten Verspätung hatte und die S-Bahn nach Dortmund genau in dem Moment losfuhr als die Leute, die ihren Anschluss kriegen wollten, genau 1 Meter vor der Tür angekommen waren.

Dein Chaim

PS: ich hab dich echt mal geliebt…

Herbst 2010

12. Dez
2010

Vor kurzem habe ich mich für die iPhone App Momento entschieden, mit der man vergangene Tage gut revue passieren lassen kann. Die App zeigt Tweeds, Facebookmeldungen, Foursquareupdates, Youtube-Uploads und vieles mehr in chronologischer Reihenfolge. Mittels dieser App habe ich daher mal begonnen einen Rückblick über den Herbst 2010 zu erstellen und damit der Blogpost nicht zu lang wird, habe ich die einzelnen Blogposts extra verlinkt.