Die Zukunft sieht düüüüüster aus
Am Dienstag betrat ich mit meiner Freundin eine Dortmunder Buchhandlung. Der Grund war, dass sich meine Freundin ein Buch kaufen wollte… was sollte man in einer Buchhandlung auch sonst machen? Und da auch ich mir mal wieder ein wenig analoge Literatur zuführen wollte begab ich mich in den 2. Stock von der Rolltreppe aus rund 20 Meter Gerade aus und dann links. Meine Lieblingsabteilung. Hier geht’s um Marketing, Management, Selbst- und Mitarbeitermotivation, Internetkram, Organisation, Steuern u.s.w. alles was das Workaholic Herz begehrt.
Ich schaute mich ein wenig um, nach einigen Minuten entschied ich mich für zwei Taschenbücher, das erste Beleuchtete den Businessplan und das zweite handelte von rechtlichem Krimskrams zum Leiten einer GmbH. Selbst für mich eher trockene Literatur, aber da ich in rechtlichen und steuerlichen Sachen nicht immer auf meine Mutter angewiesen sein möchte und da ich auch gerne ein wenig Konzept in meine chaotische Planung bringen wollte habe ich von der Vernunft aus entschieden und mir diese beiden Bücher ausgesucht. Nachdem ich die Bücher aus dem Regel nahm, folgt eine schnittige 180° Drehung um mich in Richtung Kasse aufzumachen. Doch was seh ich da: Bücher! (Welch Überraschung!) Aber nicht irgendwelche Bücher, Bücher über SEO…, Internetmarketing, Bücher über das Monetarisieren von Blogs… krass… dass es so etwas gibt.
In meiner Magengegend machten sich gemischte Gefühle breit, Gefühle der Angst, Gefühle der Unruhe, aber auch Interesse. Aus diesen Gefühlen haben sich einige Gedanken gebildet. Diese Gedanken möchte ich nun in Worte fassen, vielleichts wirds etwas länger – ja ich sage euch schon vorher dass dieser Post evtl. etwas länger wird… wenn euch das nicht passt dann heult doch! Los beschimpft mich in den Comments, weil ich immer lange Blogposts schreibe.. ja auf! Ich brauch das
Machen wir eine kleine Zeitreise… willkommen im Jahr 1998! Das Jahr von animierten Hintergründen auf Webseiten, die man mit diesem Netscape Website Editor erstellen konnte oder mit Frontpage. Als Willkommens-Gruß befand sich am Anfang der Webseite, natürlich zentriert, ein animiertes “Welcome” dadrunter so etwas wie “Sign my Guestbook!” ein Tanzendes Baby, ein paar Fotos alles in Times New Roman, die Links waren blau und unterstrichen, verlinkte Bilder waren mit einem sexy blauen Rand verziehrt und überhaupt war alles scheiße. Aber das war die Zukunft. Ok, ich kann nicht großartig mitreden. Ich war damals erst 9 Jahre alt und Internet kannten viele noch garnicht. Meine Mum hat ihre erste Website aber zu diesem Zeitpunkt machen lassen. 1998/99 und sie hat damals dafür rund 1000 DM bezahlt. Und natürlich sag die Page scheiße aus, aber was sah damals nicht scheiße aus? Trotzdem fanden wir es cool denn es war – ich wiederhole mich – die Zukunft.
Die Monitore hatten eine Bildschirmauflösung von 800×600 und waren riesengroß und haben verdammt viel Platz auf dem Schreibtisch eingenommen. Webseiten wurden von Freaks gebaut, es waren Nerds. In den 90ern gab es sogar schon die ersten Blogger und natürlich waren sie Freaks. Die 90er war das Zeitalter als sich Computerfreaks langsam etablierten, es gab erste Filme wo es um Computerfreaks ging, überhaupt sind meine Erinnerungen an die 90er überhaupt überwiegend positiv, aber das ist eine andere Geschichte schließlich bin ich erst kurz vor dem Mauerfall geboren worden und meine Kindheit spielte sich in den 90ern ab. Und sie war cool. Aber ich komme vom Thema ab.
Webdesign war das große Geschäft! Wer etwas mit Webdesign machte, der konnte Millionär werden. Ich erinnere mich an eine Diskussion die ich im Jahre 2002 oder so einmal mit einem Jungen geführt habe. Ja das war eine dieser Diskussionen “Meine Sandburg ist größer als deine”, “Na und mein Vater ist Busfahrer”. Und er gab dann auf einmal damit an, dass er viel cooler sei als ich, weil sein Vater Internetseiten mache und meiner nur ein Reisebüro habe.
Ja an dieser Diskussion sieht man, welchen Stellenwert das Internet in dieser Zeit hatte!
Aber es wurde anders. 2002 habe ich angefangen mich mit Webseiten zu befassen, 2003 habe ich das erste Buch über HTML gelesen, aus der Bücherei. Damals hat man in der Bücherei grad mal sowas wie HTML gefunden, für PHP musste man in einer Buchhandlung ein Buch kaufen, die Bücherei war nie auf dem neusten Stand.
Das Webdesign ist einen Weg in Richtung Mainstream gegangen. Leute haben Bücher drüber geschrieben, man hat drüber gesprochen, Zeitungen haben drüber geschrieben.
Was war die Folge? Homepage-Bausätze waren ein Teil der Entwicklung. Auf einmal konnte jeder ein kleiner Bill Gates werden und seine eigene Homepage machen (ok, Bill Gates hat wenig mit Webseiten zu tun, aber die Leute die Homepage-Bausätze benutzt haben, haben sowieso alles in einen Topf geworfen also bezeichneten sie sich auch als den neuen Bill Gates). Man hat Frontpage in der Schule im Informatikunterricht durchgenommen und eben diese Bücher aus der Stadtbibliothek haben eine ganz bestimmte Entwicklung vorangetrieben. Data Becker, hat eine Entwicklung bewirkt!
Auf einmal – wir sind nun einige Jahre weiter in die Zukunft gereist, sagen wir wir sind im Jahre 2006, auf einmal sah es anders aus.
Ich gehe durch die Schule. Ich sehe neben dem Vertretungsplan am schwarzen Brett einen Zettel hängen in etwa so:
“Hallo ich bin Andreas XY. Ich bin 12 Jahre alt und designe eure Homepage schreibt mir einfach eine Email an: blablabla@blablalba.de hier meien Preisliste:
Startseite: 99 cent
Bild einfügen: 39 cent
Eine Zeile Kursiv: 10cent
Eine Zeile Fett: 10 cent”
Ok, das muss man jetzt erstmal auf sich wirken lassen. Eine Schweigeminute bitte. Aber es gab eine Zeit, da war ich auch nicht besser. Ich erinnere mich daran, dass ich 2005 mal ein Design bei eBay für 9,99€ reingestellt habe.
Inzwischen ist es fast unmöglich, dass man in seinem Freundes- und Bekanntenkreis nicht irgendjemanden hat der Webseiten “macht”. Macht, steht deshalb in Anführungszeichen, weil diese Person in vielen Fällen jemand ist, der sich zwar einbildet super professionell zu arbeiten aber sein “Design” ist wohl eher ‘98 reloaded. Ja, ich rede von Frames und anderen Späßen! Das sind sie die ”Fakire” des Internets, die Alchemisten, die versuchen Gold zu machen aber nur Porzellan hinkriegen. Mit ihnen vermischt sich die Szene. An sie gerät man schnell, sie verlangen oftmals horrorende Preise für hässliches Design, nutzerunfreundliche Bedienbarkeit und von Suchmaschinen natürlich noch nie etwas gehört.
Natürlich gab es noch eine andere Entwicklung, eine Entwicklung die dem Internet den Schein des mystischen nahm. Die Wurzeln dieser Entwicklung waren hier im Gegensatz zur “Fakir-Bewegung” nicht Frontpage sondern die Homepage Baukästen. Mit einer Prise Web 2.0. wuchs aus diesen Wurzeln die zarte Pflanze mit dem Namen User-generated Content. Gemeint sind Blogs bzw. Blogplattformen. Jeder, ja wirklich jeder kann sich einen Blog anlegen. Besonders junge Menschen sind dem Blogvirus verfallen, egal ob sie Internetafin sind oder nicht, Programmierkenntnisse benötigen sie nicht usw. ich staune heute noch, wenn ich mich mit befreundeten Bloggern unterhalte, die keinerlei HTML, CSS oder PHP Kenntnisse haben.
Der Grund dafür ist, dass diese Menschen eine vollkommen andere Entwicklung durchgemacht haben als ich. Mein Weg bis zum Bereich Internetmarketing sah in etwa so aus: HTML -> PHP -> Hässlich programmierte dynamische Seiten -> Design mit Photoshop -> erste Berührungen mit SEO (2005) -> Dürreperiode -> wieder mehr SEO und Internetmarketing, Einnahmen nicht mehr durch Webdesign sondern durch die Monetarisierung eigener Webprojekte (2007).
Durch diese Entwicklung war ich lange Zeit in erster Linie Programmierer.
Wie sieht nun die Zukunft aus?
So da schau ich doch mal eben in meine Kristallkugel und.. oh liebe SEOs und Internetmarketer es sieht schlecht für euch aus. Bald sind wir nichts besonderes mehr!
Ich denke, dass dieses Nischenwissen im Bereich Internetmarketing weiter “Gesellschaftsfähig” wird. Das heißt, dass sich auch viel mehr Outsider der Szene mit diesem Thema auseinander setzen. Firmenchefs, die sich denken “SEO? Kann ich selbst… ich kauf mir mal eben ein Buch”. So wie auch viele kleine und mittelständige Unternehmen ihre Webseiten selbst verwalten. Mit Frontpage o.ä. Vorangetrieben wird diese natürlich durch den Journalismus. Dadurch werden Begriffe wie “SEO” auf einmal Salonfähig Beispiele dafür gibt es hier FAZ, sogar bei der BILD und hier.
Natürlich hat die Medaille auch eine gute Seite. Wenn sich Begriffe wie SEO und Internetmarketing erstmal im deutschen Wirtschaftsjargon etabliert haben, gibt es vielleicht auch in einigen Jahren den Ausbildungsberuf “Suchmaschinenoptimierer” oder den Studiengang “Suchmaschinenoptimierung”… aber Moment… wäre das wirklich so gut?
Verfolgt der Mensch nicht generell das Ziel “etwas besonderes zu sein”? Macht man sich nicht interessant, wenn man sich mit Dingen auskennt, die sich eben noch nicht etabliert haben? Ein Hauch Exotik? Vor allem würde es bestimmt bei einigen Menschen mächtig am Stolz kratzen, wenn Inhalte, die sie sich selbst mühevoll selbst angelesen und beigebracht haben der nachfolgenden Generation “auf dem silbernen Tablett” serviert werden?